Wo sind die Großeltern her? Aus Siebenbürgen oder aus Schlesien, oder gar aus Sao Paulo? Rund um den Erdball sind Europäer auf der Flucht vor Krieg, Armut oder dem Terror diktatorischer Systeme gewesen. Als versöhnliches Familientreffen bei Kaffee und einem Schnaps beginnt jene „Reise durch die Europäische Migrationsgeschichte“, die von der Fräulein Wunder AG losgetreten wird. Die sechs Künstlerinnen aus Niedersachsen präsentieren ihre Performance unter dem Titel „Auf den Spuren von ...“ im Rahmen des Festivals theaterszeneeuropa in der Kölner Studiobühne. Mit den Besuchern schaut man Fotografien an, tanzt oder erzählt, etwa von den Trachten und ihren Bedeutungen, die sich in weit entfernten Regionen mitunter nach deckungsgleichen Motiven ausrichten. Interessant sind auch die Geschichten der Hugenotten oder der „Wieheisster“, das ist ein Name, den die Polen den Deutschen Flüchtlingen aus Schlesien gaben. Während die nach Deutschland flohen, zog es Deutsche aus Württemberg in den Dschungel gleich hinter Sao Paulo. Dem Exodus einer jüdischen Familie, die von Sevilla aus nach Süditalien, von dort ins Ghetto nach Venedig, dann nach Thessaloniki floh um sich schließlich in Istanbul zu etablieren, folgt man durch die Jahrhunderte hinweg. Es wird nicht unbedingt bildmächtig erzählt. Eher im Kleinen, in den Details von Trachtenmustern, Malzkaffee und gemahlenem Mais nimmt man die Spur der großen Wanderung auf. So gewinnt der Minimalismus der Darstellung in der demontrativen Aufmerksamkeit für das Detail wieder seine Aussagekraft. Eigenwillig aber nicht ohne Humor präsentiert sich dieses Fräulein Wunder.
Mit der Wucht einer Truppe, die auf der Stelle das Theater neu erfinden möchte, kommt dagegen das junge Ensemble von c.t.201 aus Köln daher. Ihr Stück „Toller/Fallada“ handelt von zwei Künstlern, die als historische Verlierer abgestempelt werden. Der linke Toller und der spießige Fallada, werden von Regisseur Tim Mrosek wieder mit explosivem Temperament ausgestattet. Die beiden Darsteller Kevin Herbertz und Manuel Moser brechen mit ihrem Spiel das betuliche Gehabe historischer Porträtdarstellungen auf und Jasper Diekamp baut den Bühnenraum gleich hochkant auf. Schon diese beiden vollkommen gegensätzlichen Künstlerpersönlichkeiten nebeneinander zu stellen, mutet irrwitzig an. Richtig Spaß macht dieses Jonglieren mit den Helden von gestern - ihren politischen Träumen und Realitäten - aber auch durch den beständigen Dialog, den sie mit unserer Gegenwart führen. Eine Inszenierung, mit der sich die Kölner Theaterszene im Reigen der nationalen und internationalen Truppen sehen lassen kann.
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