POLITIK-LABOR – Ein Thema, drei Schwerpunkte: Aufmacher, Interviews, Europa-Artikel, Glosse und Lokaltexte aus Köln, Wuppertal und dem Ruhrgebiet
Hier als Newsletter abonnieren, kostenlos.
Kriegszitterer / Gewalt, Emanzipation, Freiheit
Intro (Link zur Langfassung)
Kriege haben die Welt gemacht. Verteilung von Macht und Ressourcen, Ländergrenzen– dergleichen hängt zusammen mit Konflikten, die mit Waffengewalt ausgetragen worden sind. Zur Geschichtsschreibung gehört die Auseinandersetzung mit „Eroberungszügen“, „Kolonialkriege“ haben eine Machtasymmetrie zwischen dem Globalen Süden und Westen etabliert, die Auswirkungen beider Weltkriege teilen die Geschichte in ein Davor und Danach. Fragen von Schuld, Erinnern oder Verantwortung trennen oder verbinden Bevölkerungen und Staaten. Neben der ‚akzeptierten‘ Kriegsführung gibt es Strategien, die als Verbrechen gegen die Menschlichkeit oder als Kriegsverbrechen sanktioniert werden sollen. Dialog, Handel oder Kompromiss sollen Konflikte vorbeugen, Kriege verhindern. Kriegserfahrungen und Traumata werden über Generationen vererbt. Aufarbeitung und Versöhnungsarbeit sollen zur Heilung von Individuen und Gesellschaften beitragen, werden oft aber sträflich vernachlässigt.
Kriegszitterer / Gewalt, Emanzipation, Freiheit
Teil 1: Staatenvielfalt oder neue Blöcke?
Die Veränderung im globalen Machtgefüge lässt sich an Vielem ablesen: Am veränderten Auftreten der USA. Am wirtschaftlichen Aufstieg Chinas. Am uneinheitlichen Auftreten der Staatengemeinschaft gegenüber Russland. In industriell weniger entwickelten Weltregionen vermischt sich die Hoffnung auf wachsende Lebensstandards mit der Sorge vor Auswirkungen von westlichem Lebensstil (Klimawandel, Zerstörung von Lebensräumen …). Zugleich wächst in der Weltpolitik eine Unsicherheit, auf die mit Rüstungsvorhaben reagiert wird. Kooperation rückt so weiter in den Hintergrund. Wie blockhaft die „neue Weltordnung“ sich gestalten wird, scheint offen – und damit der Status von Freiheit und Sicherheit oder die Verteilung von Macht. Ist es Grund zur Hoffnung, da ungerechte Machtgefüge ins Wanken geraten und so die Option in den Blick rückt, Verhandlungspositionen zugunsten benachteiligter Staaten zu verbessern? Wird der politische Wandel dramatisiert – ist das vielmehr business as usual?
Kriegszitterer / Gewalt, Emanzipation, Freiheit
Teil 2: Der Globale Süden und der Westen
Geschichtsschreibung ist parteiisch – mal mehr, mal weniger. Wer weiß beispielsweise, wie viele Afrikaner im Zweiten Weltkrieg ums Leben kamen? Seit Jahrhunderten galten Kolonialisierung, Sklavenhandel und Imperialismus als „Recht des Stärkeren“. Dann kamen die Weltkriege, in denen auch Soldaten aus dem Globalen Süden kämpften. Auf Geheiß der Kolonialmächte setzten sie ihre Leben ein. Die Kolonialmächte würdigten das nach Kriegsende keineswegs, schlugen stattdessen Aufbegehren für Freiheit nieder. Die südafrikanischen Apartheidsgesetze gehen zurück auf nationalsozialistische „Rassengesetze“. Der Instrumentalisierung des Globalen Südens als „Kornkammer der Welt“ entspricht kolonialistische Praxis und der nationalsozialistische Plan, in Afrika Rohstoffe und Nahrungsmittel für Deutschland sicherzustellen. Wie prägen diese ‚Selbstverständlichkeiten‘ bis heute das Verhältnis zwischen den „Industrie-“ und „Entwicklungsländern“?
Kriegszitterer / Gewalt, Emanzipation, Freiheit
Teil 3: Sexuelle Gewalt als Waffe
Das Bild moderner Kriege ist geprägt von Schlachtfeld-Motiven. Hier kämpfen Männer gegen Männer, mittels und gegen Maschinen. Dass sich Gewalt auch gegen Zivilisten richtet, mag schwerer zu ertragen sein. Es lässt sich nicht mehr bestreiten, dass Gewalt gegen Zivilisten als Kriegswaffe eingesetzt wird. Dazu gehört auch sexuelle Gewalt (UN-Resolution 1820 vom Juni 2008). Täter finden sich in regulären Armeen, Rebellen-, Terror- oder Extremistengruppen. Das Leid der Opfer wird tabuisiert, sie werden getötet, versklavt, tragen „fremde“ Kinder aus, vererben Traumata, leiden an Unfruchtbarkeit, PTBS, Depressionen. Gesundheitssysteme sind auf diese Herausforderungen nicht vorbereitet, Forschungen unterfinanziert. Die Verfolgung der Täter, Recherche und Befragung scheinen vielfach aussichtslos. Welche Chancen hat Prävention gegen sexuelle Gewalt im Krieg? Welche Aufmerksamkeit erfahren Betroffene, die nicht auf ihr „Opfersein“ reduziert werden, sondern eigene Stimmen haben?
Kriegszitterer / Gewalt, Emanzipation, Freiheit
Teil 4: Wie die Erinnerungskultur ein NS-Opfer vom Hass abbrachte – Europa-Vorbild: Deutschland
Deutschland hat sich seiner dunklen Vergangenheit gestellt wie kaum ein anderes Land. Vom Geschichtsunterricht bis zu Gedenkstätten prägt die Erinnerungskultur den Alltag. Gad Frank war ein kleines Kind, als seine Eltern 1934 mit ihm aus Remscheid nach Palästina flüchten. Seine Großeltern fanden in Konzentrationslagern den Tod. So wurde Gad Frank, wie er selbst schrieb, mit dem Hass auf Nazideutschland erzogen. 2018 kam er nach Deutschland, wollte seinen erwachsenen Kindern die Wurzeln der Familie zeigen. „Wut und ein Wunsch nach Rache“ haben ihn begleitet. Das Land, das er vorfand, war ein anderes als das aus den Erzählungen seiner Eltern. Gad Franks wertvoller Blick von außen zeigt, dass die deutsche Auseinandersetzung mit der eigenen Vergangenheit Früchte trägt. Es begann mit verordneter Entnazifizierung, heute bezieht sich das sperrige Wort Vergangenheitsbewältigung schon längst nicht nur auf etwas, das von oben diktiert wird, sondern Teil eines öffentlichen Diskurses ist.
Kriegszitterer / Gewalt, Emanzipation, Freiheit
Teil 5: Glosse – Deutschland und der Krieg
1945 hinterlassen wir nicht bloß traumatisierte Opfer, die das endlich besiegte Schlachthaus Hitler-Deutschland überlebt haben. Auch wir selbst sind traumatisiert. Von unseren Verfehlungen und Gräueltaten. Nach dem Wiederaufbau dann ist Deutschland sauber. Auf der Straße, auf der Leinwand. Wohlstand, Sissi, Wirtschaftsmacht. Demokratie und Versöhnung. Und endlich: Willy Brandts Kniefall von Warschau. Heute reihen sich einst eherne Gesten zwischen Wurstsemmel, Shrek und Maßbier ein, wenn Provinzkasper Markus Söder in seiner Insta-Galerie völlig unmotiviert und unreflektiert in Warschau den Kniefall nachstellt: Dort staatstragend, hier erbärmlich – „Willy Brandt für Arme“ (Spiegel online). Bei aller Verdrängung: Kriege gehen trotzdem weiter. Darunter ein „Bürgerkrieg“ in Syrien, der kein Bürgerkrieg ist. Und eine Spezialoperation, die ein Krieg ist. Und was tun wir? Wir liefern immerhin Waffen. Vor allem aber leisten wir Opferhilfe deluxe. Denn: Die Spende salbt die Seele.
Ihre engels-Redaktion
Panzer vs. Schulen
Intro – Kriegszitterer
Multipolare Wirklichkeit
Teil 1: Leitartikel – Der Abstieg des Westens und der Aufstieg des BRICS-Bündnisses
„Zunehmende Unglaubwürdigkeit des Westens“
Teil 1: Interview – Politologe Ulrich Brand über geopolitische Umwälzungen und internationale Politik
Welt am Wendepunkt
Teil 1: Lokale Initiativen – Soziologe Joris Steg über Chancen und Risiken einer neuen Weltordnung
Ausgebeutet und gegeneinander aufgehetzt
Teil 2: Leitartikel – Wie der Westen Afrika in die Dauerkrise gestürzt hat
„Rassismus und Herablassung“
Teil 2: Interview – Historiker Andreas Eckert über die Folgen des europäischen Kolonialismus
Für ein Ende der Ignoranz
Teil 2: Lokale Initiativen – Ausstellung „Die Dritte Welt im Zweiten Weltkrieg“ im NS-Dok
Gewalt mit System
Teil 3: Leitartikel – Patriarchale Strukturen ermöglichen sexualisierte Gewalt als Kriegsmittel
„Eine totale Machtdemonstration“
Teil 3: Interview – Kindernothilfe-Mitarbeiter Frank Mischo zu sexualisierter Gewalt in Krisengebieten
Erinnern im ehemaligen Arbeitslager
Teil 3: Lokale Initiativen – Die Initiative Gedenkort Bochum-Bergen
Zum Herzen durch Verstand
Wie Deutschlands Erinnerungskultur ein NS-Opfer vom Hass abbrachte – Europa-Vorbild Deutschland
Sündenböcke, Menschenrechte, Instagram
Deutschland und der Krieg – Glosse