Like A Complete Unknown
USA 2024, Laufzeit: 140 Min., FSK 6
Regie: James Mangold
Darsteller: Timothée Chalamet, Elle Fanning, Monica Barbaro
>> www.youtube.com/watch?v=nyIknvGt8Lg
Biopic zwischen Popgeschichte und intimem Porträt
Electric Judas
„Like A Complete Unknown“ von James Mangold
Zwischen allerlei Gerümpel in einem klapprigen Kombi eingequetscht rollt er als Anhalter über die Brücke des Hudson Rivers auf Manhattan zu. Kurz darauf steht er mit seinem wenigen Gepäck, das vor allem aus seiner Gitarre besteht, inmitten der Straßen von Greenwich Village. Dort – das weiß der junge Robert Zimmerman, der sich seit Kurzem Bob Dylan nennt – tummelt sich die Beatnik- und Folkszene. Es ist der 24. Januar 1961, als der 19-Jährige hier landet und ein kleines Zimmer anmietet. Er will Konzerte im Gaslight Cafe, der White Horse Tavern oder dem Bitter End besuchen, in Izzy Youngs Buch- und Plattenladen Folklore Center abhängen, wichtige Leute aus der Musikszene treffen. Dylan, sehr überzeigend von Timothée Chalamet gespielt, will hier auch seinem Helden, dem linken Folksänger Woody Guthrie (Scoot McNairy), die Ehre erweisen – der liegt schwer krank in einem nahegelegenen Krankenhaus. An Guthries Krankenbett lernt Dylan auch den Folksänger Pete Seeger (Edward Norton) kennen, der für ihn eine Vaterfigur wird. Den Vater muss man aber bekanntlich ‚ermorden‘, um ihn zu überwinden. Die Tatwaffe ist, in diesem Fall naheliegend, die Gitarre, genauer: die elektrische Gitarre.
Regisseur James Mangold („Cop Land“; „Walk the Line“, „Le Mans 66“) hat sich für seinen Film von dem Sachbuch „Dylan Goes Electric!“ von Elijah Wald inspirieren lassen. Mangold entführt das Publikum mit großem Aufwand an Ausstattung in das subkulturelle New York der frühen 60er-Jahre jenseits der 5th Avenue und der Wall Street. Hier gedeiht die Undergroundkultur. Für den Jungen aus Minnesota ist dieses Umfeld ein Katalysator für seine Ideen. Den kometenhaften Aufstieg des Musikers zeigt Mangold mit ersten Bekanntschaften im Village, seinen frühen Konzerten und ersten Kontakten zu Plattenfirmen. Dylans erste Freundin Suze Rotolo (im Film heißt sie Sylvie Russo, in Elle Fannings Spiel etwas auf traurige Blicke reduziert), mit der er von 1961 bis 1964 zusammen lebt, politisiert ihn sehr. Dylan trifft auf den anderen Shooting Star der Szene, Joan Baez (Monica Barbaro), und die beiden haben eine On-off-Beziehung. Mangold zeigt, wie sich Dylan mit zunehmendem Ruhm immer mehr in sich verkriecht und seine Beziehungsfähigkeit schon früh gestört ist. Gleichzeitig findet er aber seine musikalische und lyrische Stimme. Bei den großen Folkfestivals, nicht zuletzt dem Newport Folk Festival, wird er beinahe wie der Messias gefeiert. Als er genau dort, inmitten der eigentlich sehr konservativen Szene, angetrieben vom Wandel der Popmusik und seinen Bekanntschaften mit anderen Musikern – nicht zuletzt den Beatles – seine Gitarre einstöpselt, ist das ein Verrat an den puristischen Idealen der Folkwelt und wird entsprechend quittiert: „Judas“ schallt es aus dem Publikum. In Wirklichkeit passierte das ein Jahr später in Manchester. Mangold nimmt sich zu Recht solche Freiheiten für seine Dramatisierung der Ereignisse, hält sich aber meist an die Fakten. Das Innere des Musikers kann uns aber auch der Film nur erahnen lassen.
(Christian Meyer-Pröpstl)
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