Im Konzept des Von der Heydt-Museum war diese Ausstellung überfällig. Der große Camille Pissarro ist derzeit in einer Einzelausstellung mit rund siebzig Gemälden und grafischen Arbeiten, flankiert von Meisterwerken seiner Zeitgenossen, in Wuppertal zu sehen. Basis dafür ist die großartige Sammlung des Museums, die mit Unterstützung der Bürgerschaft seit dem frühen 20. Jahrhundert zusammengetragen wurde und etliche wichtige Werke zum französischen Impressionismus umfasst.
Nun also Pissarro, der Älteste dieser Kunstrichtung, der noch zu ihrer Verbreitung beitrug, indem er mit seinen Malerfreunden aus Protest gegen den Salon eine Gemeinschaft zur Durchführung von Ausstellungen gründete, die 1874 spöttisch von einem Kritiker „Die Impressionisten“ genannt wurde. Die weitgehende Ablehnung dieser damals so neuartigen, mit den Sehgewohnheiten brechenden Malerei wich erst allmählich großer Begeisterung. Pissarros eigene impressionistische Malerei war jenseits aller Theorie spätestens in den 1870er Jahren ausgebildet: Kennzeichnend für seine Bilder ist eine gleichmäßig aufgehellte Farbpalette, in der Figur und landschaftliche Ereignisse verschmelzen. Die Schattenbereiche sind von farbigen Reflexen erfüllt, der Gegenstand löst sich in Striche des Pinsels auf und ist reine Farbe. Deutlich wird: Alles Gesehene ist subjektive augenblickliche Beobachtung, abhängig von den Lichtverhältnissen, der Jahres- und Tageszeit und der Intensität des Blickes. Dazu wählt Pissarro unspektakuläre Landschaftsszenen oft am Fluss, in dem sich Gebäude spiegeln. Mitte der 1880er Jahre hat sich Camille Pissarro dann zeitweilig dem „Postimpressionismus“, dem „Pointillismus“ verschrieben, der den Gegenstand noch weiter in Pinselstriche und Flecken zerlegte – ein finanzielles Desaster, das sich der Maler, der eine vielköpfige Familie zu ernähren hatte und schon mit seiner impressionistischen Kunst kaum über die Runden kam, auf Dauer nicht leisten konnte.
Camille Pissarro wurde 1830 auf der dänischen Antillen-Insel Saint Thomas als Sohn französischer Eltern geboren. Erste Unterweisungen in der Kunst erhält er vom dänischen Maler Fritz Melbye, den er für zwei Jahre nach Venezuela begleitet. Dort entstehen auch seine ersten Bilder. Nach seiner Rückkehr studiert Pissarro in Paris und gelangt schon bald mit den jüngeren Künstlern Cézanne, Guillaumin und Monet in Kontakt. Und er lernt den Realisten Camille Corot kennen, als dessen Schüler er zunächst gilt. Ganz im Sinne der „Schule von Barbizon“ malt Pissarro unter freiem Himmel: gemeinsam mit Renoir und Alfred Sisley im Wald von Fontainebleau und später in der Umgebung seiner Wohnorte Pontoise und Louveciennes. Seine realistischen Darstellungen von arbeitenden Frauen im Wohnhaus oder auf dem Feld kennzeichnet eine Stille und Ernsthaftigkeit, die schon das Interesse für die umgebende Natur erkennen lässt. Später dann dominiert die Landschaft, aber auch weiterhin entstehen Genreszenen und Porträts, die nun also, mit Leihgaben aus nah und fern, im Von der Heydt-Museum zu sehen sind. Daneben zeigt die Wuppertaler Ausstellung etwa auch – im Durchbrechen der chronologischen Präsentation – Blumenstillleben von Pissarro, Odilon Redon und Matisse. Pissarros Blumen stecken in einer Vase auf einem Tisch; der Raumausschnitt ist eng gefasst. Schon in diesen konzentrierten Situationen zeigt sich, wie intensiv und akribisch Picasso gemalt und mit den Farben der Blumen, dem Licht und der Perspektive Atmosphäre geschaffen hat. Das alles leitet zum grandiosen Spätwerk des 1903 gestorbenen Malers mit den betörend schönen Ansichten auf den Boulevard Montmartre bei Nacht, mit den Lichtern als Flecken in vielen Farben – Bilder, die zugleich Zeugnis von der modernen Großstadt geben: Der Impressionismus war realer als jede realistische Malerei.
„Pissarro – Vater des Impressionismus“ | bis 22.2. | Von der Heydt-Museum Wuppertal | 563 26 26
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