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Gedenkstätten wie das ehem. Vernichtungslager Auschwitz sind Teil der Erinnerungskultur
Foto: eeelectra / Adobe Stock

Zum Herzen durch Verstand

27. Februar 2025

Wie Deutschlands Erinnerungskultur ein NS-Opfer vom Hass abbrachte – Europa-Vorbild Deutschland

Deutschland hat sich seiner dunklen Vergangenheit gestellt wie kaum ein anderes Land. Vom Geschichtsunterricht bis zu Gedenkstätten prägt die Erinnerungskultur den Alltag. Doch wo endet Aufarbeitung und wo beginnt Übertreibung? Ein Blick auf ein Land, das Versöhnung möglich macht.

„Mein Hass auf Deutschland als Land und die Deutschen als Menschen haben mich mein ganzes Leben lang begleitet.“ Gad Frank war ein kleines Kind, als seine Eltern 1934 mit ihm aus Remscheid nach Palästina flüchten. Seine Großeltern aber fanden in Konzentrationslagern den Tod. So wurde Gad Frank, wie er selbst schrieb, mit dem Hass auf Nazideutschland erzogen. Es waren „viele Jahre voller Wut, Traurigkeit und tiefer Trauer“.

Frank erlebte die Gründung des Staates Israel, baute ihn mit auf. Er lernte viele Menschen mit ähnlichen Schicksalen kennen. Wirkte als Bildhauer in Tel-Aviv. 2018 kam er nach Deutschland, wollte seinen erwachsenen Kindern die Wurzeln der Familie zeigen. „Wut und ein Wunsch nach Rache“ haben ihn begleitet. Sonst wollte er mit Deutschland nichts zu tun haben. 

Im Land der Täter

Das Land, das er vorfand, war ein anderes als das aus den Erzählungen seiner Eltern. Er traf auf „normale, liebevolle und respektvolle Menschen“, auf „gesunde und humane Lebenstheorie“. Auf Schülerinnen und Schüler, die „aufrecht und unvoreingenommen Verantwortung für ihre Vorfahren übernahmen“. Hin- und hergerissen und schließlich von Optimismus ergriffen, entschied er sich, eine Skulptur zu entwerfen, die „dunkle Vergangenheit mit der beeindruckenden Gegenwart und der vielversprechenden Zukunft“ verbindet.

Gad Franks wertvoller Blick von außen zeigt, dass die deutsche Auseinandersetzung mit der eigenen Vergangenheit Früchte trägt. Aus Hass wird Freundschaft – kann es ein lohnenswerteres Ergebnis geben? Besonders, wenn selbst spätere Generationen ein Beispiel abgeben, dass selbst die Herzen der Opfer erweichen?

Schule machen 

Es begann mit verordneter Entnazifizierung, heute bezieht sich das sperrige Wort Vergangenheitsbewältigung schon längst nicht nur auf etwas, das von oben diktiert wird, sondern Teil eines breiten öffentlichen Diskurses ist. Die Stolpersteine, die subtil und doch allgegenwärtig, an die Opfer des NS-Terrors erinnern, gehen auf den deutschen Künstler Gunter Demnig zurück. Mittlerweile macht dieses Beispiel in 31 weiteren Ländern Europas Schule.

Apropos Schule: Nicht wenige Menschen fassen den Geschichtsunterricht während der gesamten Schulzeit so zusammen: Griechen, Römer, Nazis, Nazis, Nazis. Das hat seine Gründe und zeitigt, wie wir gesehen haben, anscheinend auch Effekte. Doch Nebeneffekte mit ähnlich komplizierten Namen sind: Geschichts- und Politikverdrossenheit bis hin zu einer Trotzreaktion auf den „deutschen Schuldkult“. Obwohl dieser Begriff dem rechten bis rechtsextremen Lager entstammt, ist nicht von der Hand zu weisen, dass eine oftmals vorschnell geschwungene „Nazi-Keule“ einen rationalen und ausgewogenen Umgang mit bestimmten Themen erschwert. Die Politologin Antonia Grunenberg stellt in ihrem Buch „Die Lust an der Schuld“ im Nazi-Vergleich eine „Abwesenheit von Intellektualität“ fest.

Übereifrig und einseitig?

Jede gute Idee kann durch ein Übermaß an Eifer verdorben werden. Jedoch: Ist es nicht besser, Diskussionen hin und wieder ins Leere laufen zu lassen, als sie gar nicht erst zu führen? „Niemals vergessen“ sollte ein Grundsatz sein, den jeder „normale, liebevolle und respektvolle“ Achtklässler unterschreibt, selbst wenn er die Augen verdrehen sollte, wenn die Lehrerin zum x-ten Mal von den Verbrechen des Nazi-Regimes erzählt.

Gad Franks Denkmal der Versöhnung soll den Betrachter zurück und nach vorne blicken lassen. Obwohl der Künstler 2022 verstorben ist, soll eine Skulptur nach seinem Entwurf noch in diesem Frühjahr unweit der Gedenkstätte Pferdestall in Remscheid aufgestellt werden – möglich machen das engagierte Deutsche.

Marek Firlej

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