Anzeigentexte von Prostituierten geizen nicht mit Adjektiven. Man findet dort schnörkellos „geil“ genauso wie das kokettierend „neugierig“, großväterliche „rassig“ ebenso wie selbstverniedlichend „verschmust“ – für jeden Geschmack ist etwas dabei. Das klare Ziel der Wortwahl: Kunden anlocken und den geschäftlichen Hintergrund des Treffens kaschieren. Freier auf der anderen Seite reden ganz anders über Huren. Für sie zählen Prädikate wie „gut“, „jung“, „freundlich“ oder „deutsch“. Leute wiederum, die mit Prostitution nichts zu tun haben, sprechen von den Damen dieses Gewerbes oft mit abwertenden Wörtern wie „schmutzig“ oder „ekelhaft“. Wer eher Mitgefühl spürt, benutzt Ausdrücke wie „traurig“ oder „arm“. Als Maren Wandersleben im Jahre 2009 Prostituierte aus Dortmund, Düsseldorf und Essen portraitierte, wollte sie solche Wertungen ausklammern. Sie gab ihrer Diplomarbeit an der Wuppertaler Universität darum den ebenso sachlichen wie pointierten Titel „Käuflich“. Über sechs Monate hinweg verschaffte sich Wandersleben damals Einblick in ein Milieu, das die meisten Menschen nur vom Vorbeifahren kennen: den Straßenstrich. Schon während ihres Studiums hatte die heute in Hamburg lebende Designerin die Auseinandersetzung mit sozialkritischen Themen nicht gescheut und Obdachlose und Heroinabhängige fotografiert. Mit dieser Fokussierung auf benachteiligte Randgruppen will Wandersleben keinen Elendstourismus betreiben, ihr geht es um die Dokumentation individueller Schicksale von Menschen, die sonst kaum eine Lobby haben. Klischees sollen durchbrochen, Zustände transparent gemacht werden.
Behutsame Annäherung ans Milieu
Auch Wanderslebens Fotos aus der Serie „Käuflich“ sind daher meist Portraits, und wenn nicht, bilden sie reduziert und ungeschönt den Raum ab, in dem die Prostituierten arbeiten. Ergänzt werden sie durch Interviews, die die damalige Studentin mit den Frauen geführt hat. Um die Authentizität zu erhalten, hat sie diese nicht redigiert, sondern aufgeschrieben, wie sie gesprochen wurden. Die Frauen überhaupt zum Reden zu bewegen, war eine schwierige Aufgabe, und sie erforderte eine behutsame Annäherung. Langsam hat sich Wandersleben darum ins Milieu vorgetastet. Sie hat zunächst Kontakt zu sozialen Einrichtungen aufgenommen und ist dann über den Besuch von Frühstücksrunden und den Aufenthalt in Beratungscontainern schrittweise näher an die Prostituierten herangerückt. Schließlich hatte sie Kontakt zu etwa 30 Männern und Frauen. Weil ihr die Arbeit in geschlossenen Räumen mit der Zeit zu unbehaglich wurde, hat sich Wandersleben dann auf die Darstellung von Straßenprostitution beschränkt. Die Arbeit dort hat sie zu einer guten Kennerin der Nöte der Frauen gemacht. Auch wenn ihr Anliegen vor allem dokumentarisch war, hat sich die junge Fotografin durch den intensiven Kontakt doch auch eine Meinung zu den Arbeitsbedingungen gebildet. Nach notwendigen Verbesserungen gefragt, nennt Wandersleben eine größere Anerkennung des Berufes durch die Gesellschaft und die Schaffung dauerhafter Straßenstriche, die über sanitäre Einrichtungen verfügen.
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