Irgendwo im nebeligen Nirgendwo eilen sieben Touristen durch eine Stadt namens Verona, ihre Gesichter durch weiße Masken entstellt, mit geschlechtslosem Eimerhut und Schirm bewaffnet, ab und zu gefriert die Schar zum Standbild hinter einem durchsichtigen Screen, auf dem später Großaufnahmen der Protagonisten und gewalttätige Straßenkämpfe in Paris zu sehen sein werden. Diese Brutalität ist der Nährboden für die ewige Vendetta zweier verfeindeter Familienclans in Norditalien, der sich niemand entziehen kann. Shakespeare machte aus diesem Bodensatz seine Tragödie um Liebe im Niemandsland zwischen den Fronten: Romeo und Julia stehen seitdem auf und vor der Bühne für die in Stein gemeißelte Macht des Eros.
Melange aus unterschiedlichen Visualitäten
Der französische Theaterregisseur Nicolas Charaux mischt bei seiner Inszenierung der Gesine Danckwart-Fassung in der Wuppertaler Oper die ewige Kausalität zum Tod geschickt mit antiken Philosophen, zeitgenössischen Assoziationen und – weil die Premiere im März wegen Corona abgesagt werden musste – mit aktuellen Pandemiebezügen. Dazu sind die Geschlechter um das zentrale Paar herum nicht immer protagonistenkonform. So entsteht eine Melange aus höchst unterschiedlichen Visualitäten, die in einem finalen Akt der Bildhauerei kulminieren.
Zuerst aber versucht der Fürst von Verona erst einmal der Gewalt Herr zu werden, verbietet die handgreifliche Auseinandersetzung und bedroht die Widersacher mit dem Tod. Doch dem jugendlichen Maskenball scheint das nichts anzuhaben, Messerstechereien und Prügel gehörten schon damals zum Selbstverständnis der Bildungslosen. Immer im Dunklen, dazu quasi entpersonifiziert, aber dialogisch in von Leuchten erhellten Portrait-Großaufnahmen am Videoscreen, reiht Charaux die Szenen des Dramas aneinander, es darf auch mal wieder geraucht werden.
Beim Night Out bei den Capulets trifft Romeo dann endlich Julia im Spotlight, versinkt in seiner entrückten Traumwelt, vergisst altes Begehren, den Kampf der Familien, Freunde, Feinde, seine Maske. Julia erwidert sein Werben und darf fürderhin auch ohne Mund-Nasenschutz durch die skurrile heutige Welt. Einschub: Aristophanes erzählt uns von den Kugelmenschen und wie wir wurden, was wir sind, nämlich von Zeus in zwei Hälften gehackte mythische Wesen, die immer wieder versuchten zurück zum zweiköpfigen, vierfüßigen Leben zu finden – und sei es nur für die kurze Zeit der Kopulation zwischen den Geschlechtern. Das sei, so Platon im Februar 416 v. Chr, die einzige Ursache für die Entstehung des erotischen Begehrens. Na ja, vielleicht war es zu kalt damals im Februar in Athen.
Corona-Ballett im Aerosolnebel
Der Videoscreen fährt jedenfalls hoch, die Bühne ist frei, nur eine beleuchtete Treppe führt in den Abgrund. Die Bühne bleibt der Darkroom, jeder braucht eine Leuchte. Pater Lorenzo wird jetzt zur zentralen Figur, zum Lenker durch die Unaufhaltsamkeit. In der nicht vorhandenen Zelle, dafür aber auf monströs desinfizierten Plastikstühlen wird die fixe antiseptische Hochzeit zelebriert, ohne Kuss (NRW-Corona-Schutzverordnung von 1.9.) versteht sich. Regisseur Charaux nutzt dankenswerterweise seine Chance zur mächtigen Persiflage bis in den Ozonschrank plus Corona-Ballett im Aerosolnebel. Es folgt das Tragische, von Mord, Verbannung, Zaubertrank bis in die starke letzte Szene, wo das verschlungene Liebespaar den Tod verweigert und in Unterwäsche solange mit weißem Schaum besprühen bis sie zu ihrem eigenen steinernen Denkmal geworden sind.
Romeo und Julia | R: Nicolas Charaux | 8., 9.10. 19.30 Uhr, 1.11. 18 Uhr | Opernhaus | 0202 563 76 66
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