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Nicolas Charaux
Foto: Matthias Horn

„In der Welt der Kunst geht es darum, gesehen zu werden“

27. Februar 2025

Regisseur Nicolas Charaux über „Mephisto“ am Wuppertaler Opernhaus – Premiere 03/25

Klaus Manns Roman „Mephisto“ (1936) setzt sich mit der Karriere des Schauspielers Gustaf Gründgens zur NS-Zeit auseinander. Gründgens fiktives Alter Ego Hendrik Höfgen verhält sich gegenüber den Machthabern opportunistisch und wird zum Star. Im Interview spricht Nicolas Charaux über seine Inszenierung. 

engels: Herr Charaux, anscheinend macht jeder aus Klaus Manns Roman eine eigene Bühnenfassung. Wo liegt in Wuppertal des Pudels Kern?

Nicolas Charaux: Natürlich beim Aufstieg der Hauptfigur, Hendrik Höfgen – und bei der Darstellung der der damit verbundenen Konflikte und der politischen Landschaft in der damaligen Zeit, die viel mit dem Heute zu tun haben.

Spielt die Größe des Opernhauses eine Rolle bei der Inszenierung?

Ja. Aber dieses Mal war mir die Nähe zu den Zuschauern wichtig. Daher verlagern wir alles von der Bühne nach vorne, sodass das Stück auch direkte Adressaten hat. 

Spielt für Sie der Film „Mephisto“ mit Klaus Maria Brandauer von 1981 eine Rolle?

Ja, ich habe reingeschaut. Ich weiß aber nicht, ob der eine Inspirationsquelle ist. Der Film ist sehr gut gemacht, aber ich denke, dass die Welt um mich herum gerade eine wichtigere Rolle spielt als der Film. 

Wie bei Goethes „Faust“ geht es auch hier um einen Pakt mit dem Teufel. Gibt es aber nicht heute unendlich viele Hendrik Höfgens in der Welt, denen egal ist, in welchem System sie leben?

Ja, es gibt unendlich viele Hendrik Höfgens. Aber was wäre ein Hendrik Höfgen heute? Das ist eine interessante Frage. Ich hoffe, dass es heute nicht mehr gibt als zuvor. Was wäre denn für sie ein Hendrik Höfgen heute?

Zumindest würde er sich mehr als Influencer im Internet rumtreiben.

Hendrik Höfgen hat nicht so sehr Propaganda betrieben – abgesehen davon, dass er für den Nationalsozialismus gearbeitet hat. Und er hat sich auch im Roman nicht gewehrt. Was Gustaf Gründgens als historische Referenzfigur gemacht hat, das weiß ich weniger. Das ist, glaube ich, auch nicht so klar. Aber ich glaube, zwanghafter Individualismus und der Kapitalismus selbst produzieren viele Höfgens, schon allein dadurch, dass man nur noch schaut, was für einen selbst wichtig ist. Ich hoffe aber, es gibt immer noch Menschen wie Barbara oder Ulrich in dem Roman, die sagen, dass sie sich das nicht mehr gefallen lassen. 

Wann wird der Künstler zum Opportunisten, vielleicht auch aus Not?

Ich kann mir vorstellen, Künstler können sehr leicht zum Opportunisten werden, aus Not, aber auch – und das ist vielleicht ein bisschen widersprüchlich – um Karriere zu machen. Die Kunst ist eine prekäre Welt, in der es darum geht, gesehen zu werden. Da muss man erfolgreich sein, um überhaupt gesehen zu werden. Opportunismus spielt da eine große Rolle. Das ist so in der Kunst, aber auch in allen Branchen, wo es sehr wenige begehrte Plätze gibt und viele, die sie haben wollen. 

Spielt in der Inszenierung Lotte Lindenthal auch eine Rolle?

Ja, die spielt eine Rolle, denn sie ermöglicht Hendrik Höfgen ja erst Zugang zum Nationalsozialismus. Und als Hauptakteurin mit vielen Eigeninteressen ermöglich sie ihm ja viel.

Warum ist Gustaf Gründgens für seine Haltung von der bürgerlichen Mitte eigentlich nie geschasst worden?

Das weiß ich nicht. Wahrscheinlich weil er ein großer Künstler war. Und wahrscheinlich hatte man Schwierigkeiten, alles abzuschaffen, was mit dem Nationalsozialismus verbunden war. Man musste so viel verarbeiten und der ist da irgendwie durchgerutscht. Mich wundert aber, dass er später dennoch wieder Verantwortung bekommen hat. Entweder galt er als Künstler eher als apolitisch – und er hat natürlich auch immer Ausreden gefunden, und er redete über die NS-Zeit so, als ob sie nicht wirklich eine Realität gewesen ist. 

Der Stoff trifft den Zeitgeist wieder akkurat. Wie politisch muss eine Inszenierung werden – auch kurz nach der Bundestagswahl?

Ja. Das ist die Frage. Wie politisch muss Theater sein, muss es in der Tagespolitik eine Rolle spielen? Alle Parteien investieren nicht in Theater, sondern in Social Media, sie machen also das, was ihnen möglicherweise Stimmen bringt. Theater hat den Status als wichtige kulturelle Institution, aber wen erreicht man de facto noch mit Theater? Leider sehr wenig Publikum. Aber nichtsdestotrotz soll Theater politisch sein. Aber auch bei apolitischen Themen kann Theater politisch sein. Zum Beispiel indem man auf die Preise achtet und dass es für alle zugänglich ist und dass man schaut, wie man das Publikum erreicht. Dennoch bleibt es eine Institution, die vielleicht ein bisschen was kann. 

Über die Influencerei haben wir gerade schon gehört. Das Internet hat die Bedeutung des Haptischen in der Kultur ziemlich verringert. Wer sitzt überhaupt noch für ein paar Stunden im Theater?

Abonnenten.

… und die Silberhaarfraktion.

Es kommt darauf an. In jeder Stadt, in jedem Land ist das anders. Ich bin gerade in Wuppertal und nach der Premiere bin ich eigentlich wieder weg, denn ich lebe ja in Wien. Aber ab und zu bin ich bei Aufführungen dabei und sehe, wer hier ins Theater kommt. Ja, es ist ein altes Publikum und nicht so viele junge Leute. Aber es kommen schon auch junge Menschen, meistens Studierende oder junge Künstler. Dennoch sieht man, dass das nicht mehr dieselbe Kraft hat wie vor 100 Jahren. 

Die Rechten gewinnen an Einfluss in Europa. In einigen Ländern wie z.B. Österreich regieren sie bereits. Wann werden die Theater wieder zugesperrt?

Das weiß ich nicht. Die neue Regierung in Österreich ist sehr frisch – ich habe noch keine unmittelbare Konsequenz gespürt. Man redet überall viel von Kürzungen im kulturellen Bereich. Ich denke aber, so große Institutionen wie das Burgtheater in Wien werden nicht zugemacht, das Berliner Ensemble sicher auch nicht. Die haben eben historische Dimensionen. Aber in Wuppertal ist es ein echter Kampf. Das Theater, das ist nicht selbstverständlich – und man muss natürlich darum kämpfen, dass es erhalten wird. Man muss sich gerade glücklich schätzen und es genießen, dass man es in Wuppertal hat.

Mephisto | 8. (P), 9., 22., 30.3., 2., 10., 17.5., 29.6. | Opernhaus Wuppertal | 0202 563 76 66

Interview: Peter Ortmann

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