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Foto: Martin Hagemeyer

Charmant und nüchtern

03. April 2025

Comedian Vladimir Andrienko im Solinger Waldmeister – Bühne 04/25

„Die Giraffe beim Geschlechtsverkehr mit Darth Vader: Das war ja meine Sachbearbeiterin im Ausländeramt.“ Was einem so alles passieren kann im Straßenkarneval! „Ich habe das fotografiert – und so bin ich an meine Einbürgerung gekommen.“ Eine typische Geschichte in Vladimir Andrienkos Programm, das von derbem Spaß, klugen Einsichten und dem entwaffnenden Charme des gebürtigen Kasachen lebt.

Beim Namen des Stadtteils Wald, der dem Kulturort Waldmeister e.V. in alten Güterhallen einen Teil seines Namens gab, könnte man diesen arg abgelegen wähnen, und der Bahnhof, zu dem die Hallen gehören, existiert schon lange nicht mehr. So fernab liegt er aber gar. Solingen ist kulturelles Brachland“, heißt es auf der Vereinsseite provokant, „Brachland ist aber in erster Linie ein Bereich ungenutzter Möglichkeiten. Wir glauben, dass in einer Provinzstadt wie Solingen Subkultur am besten bestehen kann, wenn man sie selbst organisiert und unabhängig von Geldgebern bleibt".

Omas neues Geschlecht

Mehr als Wortprogramme gibt es dort sonst Konzerte, in nächster Zeit stehen Pop-Punk und Metal auf dem Spielplan. 2023 erhielt der Waldmeister den „Applaus-Award“ als eine der „besten Livemusikstätten“. Andrienkos freche Attitüde passte da gut in den weiß gekälkten Raum mit einer Spur von Probenkeller. Als rare Variante von „Ethno-Comedy“ ließe sich sein Auftritt beschreiben.

Fallstricke dieses Genres vermied der aus der nordkasachischen Region Zelinograd stammende Andrienko elegant. Die Beobachterrolle des Zugezogenen wusste er mit klarem Blick auf Hiesige(s) zu nutzen. Auch besagte Faschings-Szene hatte diesen Hintergrund, beschrieb sie doch das Erstaunen des einstigen Neuankömmlings, der die Deutschen bis dahin immer als Ausbund an Disziplin erlebt hatte: „Zum Geburtstagfeiern nach zehn ging man am besten in den Wald.“

Russischer Akzent

Umgekehrt ist es ja dankbar, Stoff für Humor aus der eigenen Herkunft zu ziehen – oder Schwundstufen davon. Manchem Comedian mit arabischem Background wurde da schon vorgeworfen, Vorurteile zu reproduzieren. Andrienko indes zeigte hier Klasse: Obwohl auch in Kasachstan der osteuropäische Klischee-Schnaps laut Kennern viel getrunken wird, kam ihm zu Wodka kein Wort über die Lippen. Witzig zum Thema gemacht wurde dafür die Ineffizienz von Behörden im Heimatdorf: Durch einen Hörfehler sei die Geburtsurkunde seiner Tante nicht auf „Olga“ ausgestellt worden – sondern auf „Holger“. Die absurde Pointe: „Es hat drei Monate gedauert, bis sie ihr Geschlecht angeglichen hatte.“

Die spaßige Nummernrevue allein erklärte Andrienkos Wirkung aber noch nicht. Man erlebte ihn als Mensch von einnehmender Präsenz, und neben einem breiten Grinsen zählte dazu ein unüberhörbarer Akzent. Das ist eine Äußerlichkeit? Klar, aber eine, die ihm schon oft als Markenzeichen attestiert wurde. Er verarbeitet das mit knochentrockenem Quatsch: „Es gibt in Deutschland eigene Akzent-Schulen, auf denen Russen das lernen sollen“; und mit einem fantasievollen Vergleich, vorsätzlich mit undeutlicher Aussprache: Das wäre doch wie ein „Jongleur, der sich einen Arm abhackt und dann prahlt, mit zwei Bällen zu spielen."

Impro zum Krieg

Die Miene zwischen meterbreit grinsend und todernst-treuherzig, kehrte Andrienko auch einen spontanen Schalk hervor – das beglaubigte sehr schön seinen Appell, man möge zu Live-Shows gehen statt nur in Netz und TV zu schauen (wobei es durchaus viele Netz-Videos mit ihm gibt). Als Zugabe („ich hab' nichts mehr!“) gab es nämlich eine Art Fragenrunde, dabei zeigte sich: Er kann auch ohne Manuskript. „Gibt es die Truhe noch?“, wollte ein Zuschauer wissen; den Holzkasten, ein in Kindertagen wenig geglücktes Geburtstagsgeschenk, hatte er erwähnt und gab nun gut gelaunt Auskunft. Zu einer ernsten Nachfrage zum Ukrainekrieg sprach er von „Glück im Unglück“ wegen eines seither gestiegenen Interesses an Comedians wie ihm – nicht ohne den kühlen Pragmatismus wieder mit einer schrägen Story zu ergänzen.

Der Krieg kam zuvor einmal im regulären Programm zur Sprache, in einer längeren Geschichte mit Running Gag: Bei der Bewerbung für einen „Humor-Job“ habe er einst ein „Motorrad mit kaputtem Auspuff“ mit dem Mund imitiert – und tat das nun komisch erneut, um daran eine Botschaft zu knüpfen: So wie sein Gag damals auf Granit gestoßen sei, möge man bitte Kinder (Andrienko ist studierter Jugendsozialarbeiter) nicht entmutigen: „Ich glaube, irgendwer hat auch zu Putin mal gesagt: Du wirst nichts erreichen. Und daher ist er so ein Arsch geworden.“

Martin Hagemeyer

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