Es hieße, Eulen nach Athen, über Aki Takases musikalisches Wirken in epischer Breite zu berichten. Denn die 77-Jährige, im japanischen Osaka geborene und in Berlin lebende, Pianistin kann mit Fug und Recht als lebende Legende auf dem Gebiet des zeitgenössischen Jazz bezeichnet werden. Lang ist die Liste an Auszeichnungen, mit denen sie geehrt wurde und international renommierten Musikern, mit denen sie zusammengearbeitet hat. Nun ist sie nach langer Zeit wieder einmal in Wuppertal zu Gast, um auf der Insel für einen Abend zu sorgen, der vielen Zuhörern wohl nachhaltig in Erinnerung bleiben wird.
Sie ist mit dem Saxophonisten Daniel Erdmann, Jahrgang 1989, gekommen. Er war ihr Schüler, als sie von 1994 bis 1996 Gastprofessorin an der Hochschule für Musik Hanns Eisler in Berlin war und in dieser Zeit auch in ihrem Sextett mitspielte. Auch er ist mittlerweile in der Szene kein unbekannter mehr, wovon die Zusammenarbeit mit namhaften Musikern in unterschiedlichen Besetzungen und etliche Tonträger zeugen.
Blind füreinander
Takase und Erdmann verstehen sich musikalisch kongenial. Auch den großen Humor und Spielwitz haben sie gemeinsam. Man spielt mit Jazzstilen, wenn es etwa latent „swingt“, „bebopt“ oder zwischendurch „straight ahead“ losgeht. Locker gehen sie damit um als Basis für freie Entfaltungen und packende Dialoge. Melodiöse Linienführungen, balladesk ruhige Momente gehen Hand in Hand mit eruptiven Tönen aus Erdmanns Sopran- und Tenorsaxophon und von Takase entwickelten gewaltigen, scharf-donnernden Akkordkaskaden wie markanten Skalen. Hochsensibel geht es aber auch zur Sache, als Takase zur Improvisation Erdmanns Klaviertasten ohne Tonerzeugung niederdrückt, sodass die frei gewordenen Saiten passend schwebende Klänge erzeugen. Glasklar und punktgenau kommen schnelle, rhythmisch komplexe Themen daher. Kurzum: Die beiden Musiker demonstrieren ein blindes, seelenverwandtes Verständnis füreinander. Sie ahnen das Spiel des anderen und reagieren spontan darauf.
Schalk im Nacken
Das alles geschieht anhand von Stücken aus fremden Federn wie Duke Ellingtons „Caravan“, clever zu einer Einheit verbunden mit Erdmanns „An jeder Kreuzung liegt eine Erinnerung begraben“. Laut seiner zum Schmunzeln anregenden Anmoderation entstand der Titel aufgrund seiner Reflektion über seine Zeit als Fahrschüler. So viel zum Schalk im Nacken. Auch Werke von Takase wie „Festa Magdalena“ und „À la recherche du temps perdu“ oder Erdmanns Bearbeitung von Tony Bentons „Voodoo Girl“ sind mit dabei.
Das Publikum ist zu Recht hellauf begeistert. Der nicht enden wollende Schlussapplaus mündet in zwei kurze Zugaben, darunter Ellingtons „I'm beginning to see a strange light”, danach hält er so lange an, bis sich das Duo vor der Bühne verbeugt und sich so endgültig verabschiedet. Auch der Westdeutsche Rundfunk ist gekommen, um das Konzert aufzunehmen. Der Sendetermin steht noch nicht fest.
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